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imageimagePerspektiven für Talente Topthema
Schweigen will gelernt sein

Oder wie Top-Talente sich um Kopf und Kragen reden können?

Der erste Job, alles ist noch so richtig spannend und aufregend. Da wird schon einmal gerne im Freundes- und Familienkreis über Klienten, organisatorische Schwierigkeiten und die Macken der Vorgesetzten vom Leder gezogen. Eigentlich verständlich - schließlich braucht jeder von uns einen Ansprechpartner.

Karriereschädigend wird das Ganze nur, wenn das Gesagte weite Kreise zieht, und das kann manchmal schneller passieren als beabsichtigt. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort, wer zehn Personen kennt, kennt die ganze Welt. Um zu vermeiden, dass Firmeninterna gleich in die Breite gehen, sollten auch Top-Talente es halten wie die großen beruflichen Vorbilder. Weder Ron Sommer noch Kai-Uwe Ricke haben nach ihrem Rausschmiss aus den Chefsesseln nachgekartet. Warum wohl nicht? Reiner Selbstschutz bewahrt die Manager davor, fatale und für die Zukunft unvermeidbare Fehler zu machen. Neben sogenannten vertraglich vereinbarten Verschwiegenheitsklauseln, die z. B. bei Nichteinhaltung auch mit saftigen Konventionalstrafen belegt sind, ist auch die Sorge gegeben, bei allzu großer Offenheit die Chance auf eine Abfindung zu verpassen. Kluge Manager lassen sich daher gerne auf ein längeres Pokerspiel ein. Sie behaupten, weiterhin für die Firma zur Verfügung zu stehen, obgleich sie bereits in Gesprächsverhandlungen mit potentiellen Arbeitgebern sind. Die Hoffnung auf satte Abfindungen für die Restlaufzeit des Vertrags lassen die Manager schweigen.

Langfristig lohnt sich eine Stillhaltetaktik. Die Welt ist klein und die der Manager sowieso. Mangelnde Diskretion widerspricht dem Verständnis der Führungselite. Ein Rat, den auch Jung-Manager beim Aufbau ihres Netzwerkes berücksichtigen sollten. Damit nicht bereits zu Beginn der Karriere viele Türen geschlossen bleiben.

Sabine Hansen ist Principal der renommierten Personalberatung Heidrick & Struggles. Sie hat eine Vielzahl von Suchprojekten für führende Strategie- und Prozessberatungen sowie Technologieunternehmen erfolgreich durchgeführt und konzentriert sich heute u.a. auf Suchen nach Managern der 1. und 2. Führungsebene in den Industrien: Professional Services/Technology/Real Estate. Ihre Klientenliste beinhaltet u.a. spezialisierte Beratungshäuser (Einkauf/ SCM/ Health Care) sowie internationale Technologie-Unternehmen.
Vor ihrem Eintritt bei Heidrick & Struggles Anfang 2001 war Sabine Hansen mehr als sechs Jahre als Marketingleiterin im europäischen Management-Team bei Novell für die Einführung globaler Marketingprogramme in Europa verantwortlich. Als direkte Ansprechpartnerin für den damaligen CEO und heutigen Chef von Google, Dr. Eric Schmidt, baute sie die Partnerschaft mit dem World Economic Forum auf. Ihre Karriere startete sie Anfang der 90er Jahre bei Booz Allen & Hamilton als Recruiting-Koordinatorin für die deutschsprachigen Länder.
Frau Hansen ist Diplom-Kauffrau und hat den Abschluss als „Master of Business Administration" an der WHU Koblenz und der Northwestern University, Kellogg Graduate School of Management, Evanston, erworben. Seit Oktober 2005 ist Frau Hansen im Vorstand der Ehemaligenvereinigung „In-Praxi e.V." www.in-praxi.org der WHU für die EMBA Relations verantwortlich.

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Die Besten der Besten

Auf einem Schloss in Brandenburg kämpfen Elite-Studenten um die raren Stipendien einer Wirtschaftsstiftung. Eine Reportage von Lisa Zimmermann

Das Casting

Ein Winterabend auf Schloss Liebenberg. Das Anwesen nördlich von Berlin könnte gut als Kulisse für eine Champagnerwerbung herhalten: herrschaftlicher Schlossgarten, schmiedeeiserne Schnörkeltore, innen hohe Decken, mit dunklem Holz verkleidete Wände, marmorne Böden. Mehrere Grüppchen unsicher dreinblickender junger Frauen und Männer suchen den Weg zum Aufzug. Rollkoffer kratzen die Flure entlang. Die Studenten unterhalten sich mit gedämpfter Stimme. „Wenn´s nicht klappt, hab ich wenigstens einmal in einem Schloss übernachtet", sagt einer.

Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) sucht auf Schloss Liebenberg in einem zweitägigen Assessment Center, wie Auswahlverfahren in der Unternehmenssprache heißen, nach der künftigen studentischen Elite, die sie in ihr Förderprogramm aufnehmen wird. Die sdw ist eine wirtschaftsnahe Stiftung, getragen von Unternehmen und Unternehmensverbänden. 34 Kandidaten sind im Laufe des Tages aus ganz Deutschland angereist. Während der Vorstellungsrunde im riesigen Sitzungssaal wird eines schnell klar: Wer es hierhin geschafft hat, der bastelt schon seit der Schulzeit am perfekten Lebenslauf. Wer hier sitzt, dem sind seine Kumpels nicht einfach wichtig, sondern der spricht von „Freunden, die mich bereichern und die ich bereichere."
Die Stiftung

Eine Jury wird in den kommenden zwei Tagen die Kandidaten, alle im zweiten bis vierten Fachsemester, mit insgesamt vier Aufgaben auf ihre Tauglichkeit überprüfen. Nur wer in den beiden Hauptkriterien „gesellschaftliches Engagement" und „Zielstrebigkeit" brilliert, wird es in die Studienförderung schaffen. Horst Schönhoff kommt jedes Jahr als Jurymitglied nach Schloss Liebenberg. Er trägt sein Haar in silbernen Wellen und einen Blazer mit Goldknöpfen. Eigentlich leitet er die Personalabteilung einer Düsseldorfer Unternehmensberatung. „Kassenwart beim heimischen Fußballverein zu sein reicht nicht. Eher sollte man die aktive Mitarbeit im Studentenparlament parat haben", sagt er. Weitere Kriterien sind Gestaltungswille und eine unternehmerische Grundhaltung.

Alle Kandidaten haben bereits ein Gespräch mit einem der Vertrauensdozenten der sdw an ihrer Uni hinter sich gebracht und sind von ihnen empfohlen worden. 1500 Leute bewerben sich jedes Jahr, nur jeder Fünfte wird am Ende in die Studienförderung aufgenommen. Den Studenten winkt bis zum Ende ihrer Regelstudienzeit eine monatliche Förderung von bis zu 605 Euro und zusätzliche Unterstützung bei Auslandsaufenthalten. Für die spätere Karriere entscheidend ist aber vor allem die intensive inhaltliche Förderung. Die Stipendiaten werden Teil eines Netzwerks. Enge Kontakte zu Wirtschaftsvertretern sollen bei der späteren Karriere helfen. Unternehmensvorstände halten „Dinner Speeches" vor den Stipendiaten. Die Stiftung bietet jedes Jahr über hundert Veranstaltungen, die natürlich nicht nur dröge ´Veranstaltung´ heißen, sondern Trainings, Workshops, Akademien und Dialogforen.

Die Kandidaten

Jan lächelt nicht. Schon nach wenigen Sätzen merkt man, dass sein Alltag wenig mit dem unbeschwerten Party-Unischwänzen-Party-Rhythmus mancher Anfangssemester zu tun hat. Er trägt eine dunkle Brille mit eckigem Gestell und ein etwas zu großes Nadelstreifenjackett über dem schwarzen Hemd. Jan ist 20 und studiert Kommunikationswissenschaften in Erfurt. Bis zum Ende des Semesters will er vier Hausarbeiten schreiben, denn in den Semesterfeien beginnt für ihn bereits das Auslandssemester in Estland. In den letzten Semesterferien hat er an einer Summer School in Ankara teilgenommen. Er möchte nach dem Studium nach Brüssel, „in den EU-Apparat rein". Ein internationales Netzwerk und der Ausbau von interkultureller Kompetenz können da nicht schaden – beides erwartet er sich von einer Aufnahme in das Förderprogramm der Stiftung. Gerade haben alle Kandidaten die erste Prüfung hinter sich gebracht, einen Aufsatz zum Thema Lehrermangel, auf maximal einem DIN A4-Blatt. Nun wartet Jan mit den drei anderen aus seiner Gruppe an einem Bistrotisch auf die zweite Aufgabe, die Gruppenarbeit: Mit Jens, 22, der vorhin erzählt hat, dass sein Lebenslauf bereits einen Knick bekommen habe, weil er nach drei Semestern sein Mathematikstudium abgebrochen und mit Elektrotechnik angefangen hat. „Nach diesem Bruch muss es jetzt gerade laufen", sagt er und lächelt ein bisschen verlegen. Mit Sebastian, 22, Elektrotechnikstudent, der breites Badisch spricht und die Hände in den Hosentaschen vergraben hat. Und mit Maren, 21, groß und blass, ebenfalls Elektrotechnikstudentin. Sie holt hörbar Luft und starrt auf die Tür.

Die Herausforderungen

Horst Schönhoff bittet die Kandidaten in einen neonerleuchteten Raum. Jeder soll einen Vorschlag für einen imaginären Projektwettbewerb erarbeiten. In der nächsten Stunde werden die vier das Kunststück versuchen, zum einen ihren Projektvorschlag durchzuboxen, andererseits den Teamplayer zu geben. Jan fordert Bildung, „damit Deutschland zukunftsfähig bleibt". Alle vier Stimmen zittern ein bisschen, wie das eben ist, wenn man vor Nervosität nicht genug Luft holt. Am Ende ist es Jan, dessen Vorschlag ausgewählt wird. Er ist rot im Gesicht. Beim Abendessen erzählt Jan: Seit der siebten Klasse ist er Klassensprecher, Schülersprecher und Initiator einer Jungwählerkampagne bei den Kommunalwahlen 2004 in Nordrhein-Westfalen gewesen. „Es ist doch langweilig, nichts zu machen", sagt er. Aber ein wenig belastet ihn das Streben nach dem perfekten Lebenslauf doch. „Es wäre so schön, diese Stimme im Hinterkopf einfach mal auszublenden", sagt er. Die Stimme, die ihm ständig einflüstert, dass er noch alles Mögliche machen sollte, hier noch engagieren, dort noch ein Praktikum. Mal ein Aufenthalt in einem anderen Land, der einfach nur Urlaub ist – danach sehnt sich Jan schon ein bisschen.

Am nächsten Tag werden die Kandidaten ab morgens um acht zum halbstündigen Einzelgespräch gebeten. Horst Schönhoff fragt nach dem Grund der Bewerbung bei der sdw, nach dem gesellschaftlichen Engagement, nach Auslandsaufenthalten, nach dem Studium. Bei den Gesprächen zeigt sich, dass von den Kandidaten, alle erst Anfang 20, nicht jeder in das Bild vom perfekten Karrieristen passt. Schönhoff schafft es, da, wo er Lücken vermutet, nett nachzufragen, ohne dass es alarmierend klingt. Sebastian ist noch nie aus seiner badischen Heimat herausgekommen. Vielleicht wolle er ja zum Diplomarbeitschreiben ins Ausland, schlägt Schönhoff vor. Nö, das sei nichts für ihn. „Das müsste dann auch auf Englisch sein, da wäre kompliziert." Ein gesellschaftspolitisches Thema, das ihn zuletzt bewegt hat, will Dr. Schönhoff von ihm hören. Sebastian windet sich, druckst, ihm fällt nichts ein. „Also was mich stört ist diese Gesundheitssache, diese Praxisgebühr nervt unendlich", sagt er schließlich. Schönhoff verzieht keine Miene und nickt.

Die Entscheidung

Am Ende steht das „Feedback-Gespräch" – in dem die die vier allerdings nicht erfahren, ob sie es geschafft haben. Horst Schönhoff gibt allen Kandidaten eine positive Rückmeldung. Er glaubt, die Kandidaten würden zwischen den Zeilen lesen. „Frankreich ist, ich weiß nicht, zehn, zwanzig Kilometer entfernt?", formuliert er beim Abschlussgespräch mit Sebastian freundlich. Sebastian lächelt gequält. Zu Jan sagt er: „Für ihr Alter sind Sie extrem reif. Seien Sie nicht immer so beherrscht. Lassen Sie auch mal den Menschen durchscheinen."

In etwa drei Wochen kommt der ersehnte Brief, mit dem die Kandidaten erfahren, ob sie in die Stiftung aufgenommen werden. Von den vier Kandidaten aus Horst Schönhoffs Gruppe wird es nur Jan schaffen. Den anderen bleibt die Arbeit am perfekten Lebenslauf.

 
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Mehr als Vitamin B

8000 Visitenkarten, ein Adressbuch mit 1000 Einträgen - Frank Schwalba-Hoth ist der Brüsseler Netzwerker. Ein Interview voller Tipps für Praktika und Karriere

ZEIT Campus: Sie gelten als der Mann, der die Menschen in Brüssel zusammenbringt. Wie wichtig ist Netzwerken in der heutigen Zeit?

Frank Schwalba-Hoth: Vielleicht war Netzwerken schon immer sehr wichtig, aber seitdem traditionelle Strukturen noch stärker als früher infrage gestellt werden, wird Netzwerken immer wichtiger. Das wird besonders deutlich in Brüssel als EU-Hauptstadt und New York als UN-Hauptstadt.

ZEIT Campus: Was unterscheidet Netzwerken von Vitamin B?

Schwalba-Hoth: Netzwerken ist viel mehr. Netzwerken heißt, offensiv auf Menschen mit anderem sozialen, kulturellen, nationalen und professionellen Hintergrund zugehen. Es geht darum, mit Menschen, die nicht notwendigerweise zum eigenen Kreis gehören, in Kontakt zu treten – eine Art Horizonterweiterung.

ZEIT Campus: Macht ein großes Netzwerk Können und Fachwissen überflüssig?

Schwalba-Hoth: Nein, auf keinen Fall. Ohne Können, Wissen und Kenntnisse geht es natürlich nicht. Aber es wird einfacher. Das ist wie bei einem Motor, der mit besserem Motorenöl eben auch effektiver läuft.

ZEIT Campus: Wann sollte man mit dem Aufbau eines Netzwerks beginnen? Schon während des Studiums?

Schwalba-Hoth: Damit beginnt man unbewusst manchmal schon im Kindergarten und im Freizeitbereich. Am besten ist es, wenn sich das ganz natürlich entwickelt: gemeinsame Erfahrungen haben, sich später kontaktieren, austauschen, nach Gemeinsamkeiten suchen.

ZEIT Campus: Welche Fähigkeiten braucht man?

Schwalba-Hoth: Man muss einfach offen gegenüber Menschen sein, interessiert, ohne dass es in Neugierde abrutscht, nicht nach seinem eigenen Vorteil trachten, Gegenseitigkeit schaffen. Vor allem muss man nach Konstellationen schauen, die beiden Seiten nutzen. Helfe ich dir, hilfst du mir – da kommt eine Art menschlicher Alchemieprozess in Gang.

ZEIT Campus: Viele Studenten möchten später zum Beispiel in der Europäischen Kommission arbeiten. Wie kommt man rein? Wer öffnet einem die Türen?

Schwalba-Hoth: Praktika sind ein guter Weg. Ich glaube, dass es keine Stadt auf dieser Welt gibt, in der es so viele Praktikanten gibt wie in Brüssel. Man sollte herausfinden, wer ein Büro in Brüssel hat, der einem nahe steht: die Landesvertretungen des eigenen Bundeslandes, der deutsche Gewerkschaftsbund, die Caritas oder Greenpeace, die Stiftungen oder die Parteien. Dann schaut man, in welcher Beziehung man zu denen steht, sucht also nach einer gemeinsamen Schnittmenge, beruft sich auf diesen Zusammenhang zwischen einem selbst und der Institution und schreibt eine Anfrage für ein Praktikum.

ZEIT Campus: Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, wenn man bei Ihnen ein Praktikum macht?

Schwalba-Hoth: Man braucht auf jeden Fall gute physische Fähigkeiten (lacht). Da die Praktikanten möglichst viel mitbekommen sollen, schlage ich ihnen vor, mit mir mitzulaufen. Täglich gibt es viele Termine in unterschiedlichen Gebäuden, da kommen etliche Kilometer zusammen.

ZEIT Campus: Wie verabschieden Sie sich am Ende von ihren Praktikanten?

Schwalba-Hoth: Ich sage: Danke, dass ich vier Wochen mit dir verbringen durfte.

ZEIT Campus: Worauf sollte man achten, wenn man ein Praktikum macht.

Schwalba-Hoth: Den größten Fehler, den man als Praktikant machen kann, ist, davon auszugehen, dass man 100 Prozent seiner Energie, Leidenschaft und Zeit einsetzen soll, um den oder die Chefin zufriedenzustellen. Meinen Praktikanten empfehle ich: 70-15-15. Das heißt: 70 Prozent Brillanz am Arbeitsplatz, 15 Prozent Umschauen, denn Brüssel hat auch ein großes kulturelles Angebot. Und schließlich 15 Prozent Beziehungen. Sie sollen offensiv auf andere Leute zugehen. Sie sollen Kontakte knüpfen zu Leuten aus anderen Ländern und so beginnen, sich ein professionelles Netzwerk aufzubauen.

ZEIT Campus: Sich ein Netzwerk aufbauen – das klingt erst einmal gar nicht so schwierig. Aber was macht man, wenn man von Natur aus nicht so offen ist?

Schwalba-Hoth: Kommt Zeit, kommt Rat. Ich war auch nicht immer so offen. Ich habe jeden Monat einen anderen Praktikanten. Ich halte sie dazu an, immer präsent zu sein. Das heißt, jeden Tag mit einer anderen Person zu Mittag zu essen, jede Woche mindestens an vier Empfängen und Konferenzen teilzunehmen. Und wenn ich dann auf meine Kollegen treffe, fragen die: Wie geht`s denn eigentlich Ihrer Praktikantin aus der Mongolei?

ZEIT Campus: Also kann man auch als Praktikant im Gedächtnis bleiben?

Schwalba-Hoth: Als Praktikant macht man oft den Fehler, sich kleiner, unwichtiger zu fühlen, als man eigentlich ist. Wenn man das tut, dann wird diese Wahrnehmung zur „self-fulfilling prophecy“. Dabei haben etliche Generaldirektoren in der EU ihre Karriere als Praktikanten begonnen.

ZEIT Campus: Wie wird man erfolgreich?

Schwalba-Hoth: Eine Regel ist sicher, nicht wie ein Verrückter nach einem Job suchen, sondern seine Antennen auszufahren und davon auszugehen, dass es da draußen irgendwo einen Job gibt, der auf mich wartet und mich findet. Ich bekomme so um die 100 Anfragen pro Jahr, ob ich nicht mal bei einem Gespräch gemeinsam die Jobmöglichkeiten ausloten kann. In rund einem Drittel der Fälle sehe ich dann später, dass es geklappt hat.

ZEIT Campus: Inwieweit muss man auch opportunistisch sein und seine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen, wenn es darum geht, gut anzukommen?

Schwalba-Hoth: Mit Opportunismus kommt man gerade bis zur nächsten Straßenecke, aber mittel- und langfristig verliert man dadurch an Ausstrahlung. Man sollte versuchen, sich weiter zu entwickeln, vor allem aber ganz natürlich und authentisch zu bleiben. Dann wird man auch vom Gegenüber ernster genommen.

ZEIT Campus: Welche Netzwerktipps können Sie Studenten mit auf den Weg geben?

Schwalba-Hoth: Ich lege zum Beispiel die Visitenkarten, die ich bekomme, nicht einfach ab. Auf die Vorderseite schreibe ich das Datum des Treffens, auf die Rückseite, die Dinge, die mein Gesprächspartner mir erzählt hat oder bestimmte Eigenarten von ihm. Dann sortiere ich sie in Plastikfolien, die ich nach geografischer Herkunft und dann mehr oder minder chronologisch geordnet habe. Wenn mich dann Bill aus New York anruft, schaue ich in meinen rund 8000 Visitenkarten unter USA und New York und finde die Karte so relativ schnell. So ist es dann möglich nachzufragen: Ach, wie geht es denn Mary und den Kids? Bist du immer noch bei den Vereinten Nationen?

ZEIT Campus: 8000 Visitenkarten – wie bleibt man mit so vielen Menschen in Kontakt?

Schwalba-Hoth: Zu Geburtstagen melde ich mich häufig auf der Grundlage einer Liste, die ich im Laufe der letzten Jahre angelegt habe. Wenn mir per E-Mail etwas zugeschickt wird, das Leute aus meinem erweiterten Bekanntenkreis interessieren könnte, leite ich es häufig an alle diese weiter.

ZEIT Campus: Welche Netzwerktipps gibt es noch?

Schwalba-Hoth: Eine Visitenkarte ist immer nützlich, in welcher Form auch immer. Wer die österreichische Tradition bevorzugt, setzt hinter den Namen alle seine, mehr oder minder wichtigen Abschlüsse und Titel. Wer einen Mittelweg gehen will, fügt eventuell seinen Beruf hinzu. Bei einem minimalistischen Ansatz genügen letztendlich Namen, Telefon, E-Mail- und Post-Adresse – weniger ist manchmal mehr.

ZEIT Campus: Gilt das auch in anderen Bereichen?

Schwalba-Hoth: Beim Lebenslauf gilt das sicher auch. Es gibt natürlich für einige Länder und Bereiche Standardvorschriften, aber generell sollte man auf den Adressaten achten. Ein Lebenslauf sollte Großzügigkeit ausstrahlen und nicht jedes eventuelle intellektuelle Highlight muss genannt werden. Wenn ein 25-Jähriger durch das Benennen aller Uniseminare und miterlebter Konferenzen auf drei Seiten kommt, kommt das nicht unbedingt positiv an.

ZEIT Campus: Es geht also um den Aufbau einer Corporate Identity?

Schwalba-Hoth: Richtig. Man muss überlegen, wie man sich präsentieren will, und damit dann auch indirekt übermitteln, was für Kapazitäten noch in einem stecken.

ZEIT Campus: Zielorientierte Selbstinszenierung könnte man das auch nennen, oder?

Schwalba-Hoth: (lacht) So in etwa. Man sollte aber in jedem Fall man selbst bleiben, ehrliches Interesse zeigen und sich nicht davon abhalten lassen, seine eigene Meinung zu haben und diese auch auszudrücken.

Die Fragen stellte Charlotte Potts
Frank Schwalba-Hoth, 54, arbeitet als „International political strategist“ in Brüssel. Der ehemalige grüne Europaabgeordnete coacht unter anderem Regierungen, Banken und Unternehmen. Einmal im Monat veranstaltet er in Brüssel seine Netzwerkdinners. Dazu lädt er 60 Menschen ein, die sich nicht kennen, um Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu erweitern.

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Die Entdeckung der Lehre

Endlich fördern die Unis Dozenten, die spannende Vorlesungen halten und ihre Studenten gut betreuen. Und sie haben verstanden: Exzellenz ist planbar.

Eigentlich hört es sich ganz einfach an. »Ich knüpfe an das an, was die Studenten schon kennen. So erreiche ich sie«, sagt Hubert Truckenbrodt. Also beginnt der 44-jährige Sprachwissenschaftler seine Einführung in die Phonologie eben nicht mit der abstrakt-akademischen Beschreibung irgendwelcher Laute, sondern geht erst mal die menschliche Anatomie durch. »Was machen wir, wenn wir Schluckauf haben, flüstern oder pfeifen?«, fragt Truckenbrodt. Und schon hat er sie an der Angel, seine Studenten.

Die meisten Hochschullehrer aber tun genau das, was Truckenbrodt vermeiden möchte: Sie dozieren mit einem Wust an Theorien und ohne sichtbare Begeisterung über die Köpfe ihrer Studenten hinweg, hilflos, oft genug aber auch gleichgültig und gelangweilt. Sie verschlampen Hausarbeiten, lassen Sprechstunden ausfallen oder gleich die ganze Vorlesung. Bislang hat ihnen die ausgeprägte Lehrmüdigkeit nicht weiter geschadet, im Gegenteil: Wer die akademische Karriereleiter erklimmen wollte, musste sich als Forscher die Anerkennung seiner Kollegen erkämpfen, nicht die der Studenten. Doch jetzt dreht sich die Stimmung, und das mit einer Dynamik, mit der selbst die Optimisten nicht rechneten: Die Hochschulen entdecken die Lehre. Eine wachsende Zahl von Professoren, Studenten und Bildungspolitikern will ihre systematische Vernachlässigung nicht mehr hinnehmen. Und plötzlich werden Dozenten wie Hubert Truckenbrodt, der für seine innovativen Methoden den prestigereichen Landeslehrpreis Baden-Württemberg gewonnen hat, zu Stars auf dem Campus. Der Tübinger Rektor Bernd Engler sagt: »Universitäten, die im Wettbewerb um die besten Studenten bestehen wollen, können sich uninspirierte Hochschullehrer auf Dauer nicht leisten.«

Der Mentalitätswechsel war lange überfällig, doch dass er gerade jetzt Einzug hält in Deutschlands Hörsäle, ist kein Zufall. Die Einführung der international vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master läuft auf Hochtouren und schafft einen neuen Grad an Transparenz, gleichzeitig scheint das Kalkül der Studiengebühren-Fans aufzugehen. Zwar ist die Campus-Maut sozialpolitisch oft noch ungenügend abgefedert, zudem missbrauchen einige Hochschulen sie zum Stopfen von Haushaltslöchern, statt sie für Tutorien oder länger geöffnete Bibliotheken – sprich: eine bessere Lehre – einzusetzen. Doch die Marktmacht der Studenten ist gewachsen, 1000 Euro pro Jahr und Kopf sind ein gewichtiges Argument, mehr Erstsemester durch spannende Studienangebote anzulocken und dann durch gute Betreuung bei der Stange zu halten.

Orientierung für ihre Studienentscheidung suchen sich die künftigen Studenten in Uni-Rankings. Der so auf die Universitäten ausgeübte Druck, sich ständig dem Vergleich mit den anderen zu stellen und Schwächen zu beseitigen, ist enorm. Das aktuelle Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das die ZEIT in dieser Woche veröffentlicht, zeigt nun, nach Fächern sortiert, wie weit die Hochschulen mit ihrer Neuausrichtung gekommen sind. Eine Sonderauswertung der Daten belegt: Nirgendwo schneiden sie in Sachen Lehre so gut ab wie in Baden-Württemberg. Mannheim liegt in fünf von neun untersuchten geisteswissenschaftlichen Fächern überwiegend in der Spitzengruppe, Freiburg in sechs von zehn und Tübingen ebenfalls in sechs von zehn Fächern: in Anglistik/Amerikanistik (Lehramt), Erziehungswissenschaft, Germanistik und Geschichte (jeweils Fachstudium und Lehramt). »Besonders Tübingens gutes Abschneiden im Lehramt ist viel wert, in dem Bereich gibt es am häufigsten Probleme mit der Studienorganisation«, sagt Petra Giebisch vom CHE.

Die Beispiele der Universität Tübingen und des Landes Baden-Württemberg beweisen, dass Exzellenz in der Lehre planbar ist. Den Landeslehrpreis verleiht die Stuttgarter Regierung seit 1993, zudem hat sie die Hochschuldidaktikzentren massiv ausgebaut. Dort können Professoren ihre pädagogische Ausbildung nachholen – bislang auf freiwilliger Basis. Die Uni Tübingen wiederum hat schon unter Englers Vorgänger Motivationsanalysen für Studienanfänger etabliert und jetzt auch kleinere Gruppengrößen durchgesetzt, um die Abbrecherquote zu senken. Der Amerikanist Engler, selbst Preisträger des Landeslehrpreises, achtet bei Berufungen von Professoren genau darauf, dass diese sich auch in der Lehre hervorgetan haben. In Zukunft würde der neue Rektor gern herausragende Dozenten mit einem höheren Gehalt belohnen – was bei Forschern über die W-Besoldung längst funktioniert. In der Lehre ist das rechtlich kaum möglich. Dafür hat Tübingen bereits beschlossen, einen eigenen Uni-Lehrpreis zu vergeben.

Ähnliche Initiativen laufen mittlerweile überall in Deutschland. So will die Leuphana Universität Lüneburg künftig jedes Semester die zehn innovativsten Lehrveranstaltungen mit je 5000 Euro auszeichnen, wie in Tübingen sollen dafür Studiengebühren eingesetzt werden. Ob die Prämierung des Neurowissenschaftlers Christian Büchel zu Hamburgs bestem Doktorvater durch die Claussen-Simon-Stiftung oder der gerade von Stifterverband und Hochschulrektorenkonferenz an den Hallenser Juristen Rolf Sethe verliehene Ars-legendi-Preis: Private Stiftungen, öffentliche Verbände und auch immer mehr Bundesländer belohnen engagierte Dozenten mit einer wachsenden Zahl von Auszeichnungen. Den bislang großzügigsten Preis, der von nun an jährlich vergeben werden soll, hat der hessische Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) ausgelobt: 375000 Euro für exzellente Leistungen bei der Ausbildung, Beratung, Betreuung und Prüfung der Studenten.

»Wenn das Sozialimage der guten Hochschullehrer besser wird, können sich auch die anderen auf Dauer keine schlechte Lehre erlauben«, sagt Jürgen Zöllner (SPD). Der Berliner Bildungssenator, derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), hat im Januar eine Neuauflage des bundesweiten Elitewettbewerbs vorgeschlagen – diesmal für die Lehre. Zurzeit laufen die Beratungen in der KMK, möglicherweise könnte der Wettbewerb noch dieses Jahr starten und, so die Hoffnung, einen ähnlichen Effekt auf die Hochschulen haben wie der Exzellenzwettbewerb im Bereich Forschung.

Große Proteste des Hochschulverbandes, der Interessenvertretung der Professoren, hat indes der Vorschlag des Wissenschaftsrats ausgelöst, in dem Wissenschaftler und Bildungspolitiker gleichberechtigt zusammensitzen. Sie wollen eine Professur mit dem Schwerpunkt Lehre als eigenständigen Karriereweg etablieren. Begabte Dozenten sollen als Juniorprofessoren eingestellt und dann an Kompetenzzentren pädagogisch fortgebildet werden. Professoren, die Vorlesungstechniken büffeln und für ihr Engagement mit einer Dauerstelle belohnt werden – das käme tatsächlich einem »Tabubruch« gleich, sagt der Freiburger Professor Ulrich Herbert, der die zuständige Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats geleitet hat. Nun ist es wieder Baden-Württemberg, das vorprescht. Noch vor der Sommerpause soll der Landtag über die Neuregelung beraten, die den »Juniordozent« genannten Juniorprofessoren Lehre nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrats ermöglichen soll. »Wir wollen rasch eine weitere Stärkung der Lehre einleiten, nicht zuletzt angesichts der steigenden Bewerberzahlen«, begründet Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) die Eile.

Doch all die Preise, Initiativen und Gesetzesänderungen wären nichts ohne den Einsatz engagierter Dozenten – solcher wie Marietta Auer: Die Münchner Juristin und ihre Kollegen haben die Repetitoren das Fürchten gelehrt. Mit ihren Tutorien haben sie einen Mittelweg gefunden zwischen den für ihre Trockenheit berüchtigten Jura-Vorlesungen und der rein praxisbezogenen Paukerei privater Institute. »Wir bringen den Studenten das Denken bei mit unseren Fallbesprechungen, damit sie die Lösungen nicht nur auswendig können, sondern sie sich logisch erschließen«, sagt die 34-jährige Auer. Was wiederum ganz einfach klingt. Doch die Realität ist immer noch, dass neun von zehn Jura-Studenten vorm Examen zum Repetitor gehen. Darum hat Auer 2006 den bayerischen Preis für gute Lehre bekommen. Feste Sprechstunden hat sie übrigens nicht. Doch anders als bei faulen Profs, die sich so vor der Betreuungspflicht drücken, ist es bei ihr umgekehrt: »Ich möchte, dass die Studenten jederzeit zu mir kommen.«

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